Erwachsenen-ADHS: Gibt es das wirklich?

Viele Erwachsene mit ADHS meistern Beruf und Alltag im Großen und Ganzen ohne größere Krisen, werden aber hellhörig, wenn bei ihren Kindern von z.B. Lehrern ADHS-typische Symptome festgestellt werden. 

Das ist eine Erfahrung, die auch wir in unserer Praxis häufig machen: Ein Kind mit entsprechender Diagnose wird bei uns vorgestellt (z.B. für ein Neurofeedback-Training zur Verbesserung der Konzentration) und im selben Atemzug erzählen die Eltern, dass sie als Kinder eigentlich genau gleich waren.

Bei vielen dieser Erwachsenen wurde in der Kindheit kein ADHS diagnostiziert, vielleicht weil diese Diagnose früher seltener gestellt wurde, weil die Symptomatik bei ihnen vielleicht weniger auffällig war oder einfach als "Charakterzug" allgemein akzeptiert wurde. 

 

Wie zeigt sich ADHS im Erwachsenenalter?

Schwierigkeiten, Begonnenes fertig zu machen; Probleme mit Zeitgefühl und Pünktlichkeit; Ungeduld; Ordnung halten fällt schwer; Vergesslichkeit; Schwierigkeit Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden; Termine werden häufig falsch eingetragen oder vergessen; Schlüssel sind oft unauffindbar; man ist leicht abgelenkt und desorganisiert; oft fällt es schwer den Überblick zu wahren (z.B. über eigene Finanzen oder ein begonnenes Projekt); oft schnelle oder teilweise undeutliche Sprechweise; eintönige Aufgaben oder längeres Warten (z.B. im Stau stehen) sind nur schwer zu ertragen; man hat instinktiv immer etwas in der Hand (z.B. Handy, Kugelschreiber zum Herumspielen); die berufliche Leistungsfähigkeit ist oft ohne klaren Grund schwankend; beim Sitzen wird dauernd die Sitzposition leicht gewechselt oder ein Bein ist immer in Bewegung (z.B. Wippen mit Fuß).

Betroffene berichten von häufigen Stimmungsschwankungen, leichter Reizbarkeit und teilweise impulsivem Verhalten (z.B. anderen ins Wort fallen, teilweise übertrieben emotionale Reaktionen) und fast alle erleben eine unangenehme innere Unruhe und Anspannung. Erwachsene mit ADHS (bzw. Verdacht auf ADHS) fallen aber auch durch ihre Begeisterungsfähigkeit, ihre Energie und Aufgeschlossenheit auf. Sie sind häufig sehr sozial, haben ein gutes Gespür für andere und haben oft kreative und sehr überzeugende Ideen. 

 

Braucht ein Erwachsener mit ADHS oder Verdacht auf ADHS unbedingt eine (psychologische oder medikamentöse) Therapie?

Nein. Wie bei jedem anderen Krankheitsbild sind auch bei ADHS die Schwere der Symptome und der empfundene Leidensdruck ausschlaggebend, ob man eine Behandlung braucht oder nicht. 

Falls der Betroffene sich für eine psychologische Behandlung interessiert oder entscheidet, dann werden dort jene Symptombereiche im Vordergrund stehen, welche den größten Leidensdruck erzeugen (häufig: Gefühl der inneren Unruhe, Konzentrationsschwierigkeiten, Stimmungsschwankungen, Impulsivität)

 

Zu einer sinnvollen psychologischen ADHS-Behandlung bei Erwachsenen gehören immer mehrere Säulen: u.a. Psychoedukation (Informationen über ADHS, typische Symptome und Erscheinungsbilder im Alltag, Abgrenzung zu anderen Diagnosen, neurologische Erklärungsmodelle, Erarbeitung von realistischen Behandlungs-Schwerpunkten, evtl. Miteinbezug von Familienangehörigen), Verhaltens-Coaching (alltagstaugliche Strategien und Hilfen für Zeit- und Aufgabenplanung, Stress-Management, Selbstorganisation und Impulskontrolle) und spezifische Trainings für einzelne Symptombereiche (z.B. Neurofeedback-Training für die Erhöhung der Konzentration).